Gestohlene Momente wurden zu bewegenden Momenten

GESPRÄCHSKONZERT MIT DEM JAZZ-MUSIKER UND ZEITZEUGEN EMIL MANGELSDORFF

18. Ja­nu­ar 2017 im Land­tag von Rhein­land-Pfalz

Bil­der: A.Linsenmann

Ge­stoh­le­ne Mo­men­te – da­von gab es vie­le im Le­ben von Emil Man­gels­dorff, der als jun­ger Swing-und Jazz-Mu­si­ker die Un­ter­drü­ckung durch den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus selbst er­leb­te. An ei­nen er­in­nert sich der heu­te 91-Jäh­ri­ge be­son­ders klar: Er ist noch kei­ne 18 Jah­re alt, da wird er von der Ge­sta­po in Frank­furt ver­hört. Die Tür im Ge­sta­po-Kel­ler hin­ter ihm fällt zu, er dreht sich um – die Tür­klin­ke an der In­nen­sei­te fehlt. In dem Mo­ment wird ihm klar, dass er der Will­kür der Na­zis aus­ge­lie­fert ist. Ob und wann er wie­der her­aus­kommt, weiß er nicht. Da­bei hat er nur Mu­sik ge­spielt.

Von die­sen und an­de­ren ge­stoh­le­nen Mo­men­ten er­zähl­te der 1925 ge­bo­re­ne Jazz­mu­si­ker Emil Man­gels­dorff beim Ge­sprächs­kon­zert im Land­tag Rhein­land-Pfalz, we­ni­ge Ta­ge vor dem Ge­denk­tag für die Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus am 27. Ja­nu­ar. Was sich nicht in Wor­te fas­sen ließ, drück­te er mit sei­nem Sa­xo­fon aus. Be­glei­tet von Thi­lo Wag­ner am Kla­vier, spiel­te er Jazz­stü­cke u.a. von Char­lie Par­ker und Ben­nie Good­mann – gro­ße Mu­si­ker, de­ren Kunst die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als ent­ar­tet be­zeich­ne­ten und ver­bo­ten.

Sei­ne Lei­den­schaft für den Jazz ent­deck­te Man­gels­dorff, als er als Ju­gend­li­cher in den 1930er Jah­ren zum ers­ten Mal den Jazz-Trom­pe­ter Lou­is Arm­strong im Ra­dio sei­ner El­tern hör­te. Er ha­be so viel Mensch­lich­keit in die­ser Mu­sik ge­hört, er­in­ner­te sich Man­gels­dorff. „Die­se Mu­sik hat gro­ßen Wert. Dar­an konn­ten die Na­zis mit ih­rem Ras­sis­mus nichts än­dern. Ein ech­ter Jazz-Mu­si­ker kann kein Ras­sist sein.“

Und so gab sich Man­gels­dorff ganz dem Jazz hin, trotz der Ver­bo­te, der Dro­hun­gen und der Ver­haf­tun­gen durch die Na­zis. Er schloss sich der „Swing Ju­gend“ an und spiel­te ge­mein­sam mit an­de­ren Mu­si­kern ge­gen den Hass und die Un­ter­drü­ckung an.

Im Ge­sprächs­kon­zert be­rich­te­te Man­gels­dorff zwei Stun­den lang in Wor­ten und mit der Mu­sik ein­drück­lich, de­tail­liert und zu­tiefst be­rüh­rend da­von, wie er die­se Jah­re im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­lebt hat. So wur­den aus den ge­stoh­le­nen Mo­men­ten be­we­gen­de Mo­men­te, nicht zu­letzt auch durch die Jazz­kom­po­si­ti­on „Sto­len Mo­ments“ von Oli­ver Nel­son. Sei­nem Sa­xo­fon ent­lock­te er trotz sei­nes ho­hen Al­ters wei­che Jazz­klän­ge mit ei­nem kla­ren Ton, da­zu mal lang­sa­me, mal ra­send schnel­le Rhyth­men. Zu­sam­men mit Thi­lo Wag­ner führ­te er die Zu­schau­er in die pul­sie­ren­de At­mo­sphä­re ei­nes Mu­sik­kel­lers im Frank­furt des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts.

Da­bei war es Man­gels­dorff wich­tig, die Zu­schau­er auch zum Nach­den­ken an­zu­re­gen: „Die Welt­ge­schich­te ist heu­te in ei­ner Si­tua­ti­on, die uns fürch­ten lässt. Man braucht vie­le Men­schen, die an­pa­cken, da­mit man wie­der aus der Mi­se­re kommt.“

Land­tags­prä­si­dent Hen­drik He­ring er­in­ner­te in sei­ner An­spra­che dar­an, mit welch ra­san­tem Tem­po die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten al­le Be­rei­che des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens mit ih­rer Ideo­lo­gie durch­drun­gen hat­ten, ins­be­son­de­re auch die Kunst und die Mu­sik: „Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wuss­ten sehr wohl um die enor­me Kraft der Mu­sik, Li­te­ra­tur und der an­de­ren Küns­te und ma­ni­pu­lier­ten sie für ih­re Zwe­cke.“ Um­so wich­ti­ger sei es heu­te, die Frei­heit der Kunst zu schüt­zen, so wie es die Müt­ter und Vä­ter nach dem En­de der Dik­ta­tur auch in die Ver­fas­sung von Rhein­land-Pfalz ge­schrie­ben ha­ben.

He­ring be­ton­te zu­dem, wie Kunst und Mu­sik auch da­bei hel­fen könn­ten, ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­run­gen wie die der In­te­gra­ti­on zu meis­tern: „Sie ha­ben die Fä­hig­keit, Frem­des und Ver­trau­tes zu et­was ganz Neu­em zu ver­bin­den. Ge­ra­de heu­te kön­nen wir auf die Fä­hig­keit von Mu­sik, Thea­ter und Li­te­ra­tur ver­trau­en, um den­je­ni­gen Men­schen, die zu uns ge­flüch­tet sind, zu be­geg­nen. Wenn Men­schen aus al­ler Welt bei kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen zu­sam­men­tref­fen, dann kön­nen neue Ide­en wach­sen und ge­dei­hen.“

Der Tag des Ge­den­kens an die Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus fin­det bun­des­weit seit 1996 je­des Jahr am 27. Ja­nu­ar statt. Der Ge­denk­tag be­zieht sich auf den 27. Ja­nu­ar 1945, als die Ro­te Ar­mee das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au be­frei­te. In die­sem Jahr er­in­nert der Land­tag Rhein­land-Pfalz be­son­ders an die zehn­tau­sen­den Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­den, die vom NS-Re­gime ver­folgt wur­den. Ne­ben dem Ge­sprächs­kon­zert mit Emil Man­gels­dorff wid­met sich ab dem 26. Ja­nu­ar auch die Aus­stel­lung „Ver­brann­te Bü­cher“ im Foy­er des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses die­sem The­ma.