Nimmermüder Forscher der Jazzelementen

emilcollageEr ist der Unermüdliche. Der Unbeugsame. Der lebende Schatz dynamischer Musikgeschichte. Er ist Emil Mangelsdorff. Auf die Bühne mag er an diesem Abend zwar auf Krücken gehen, doch wie sollten die körperlichen Abstriche des 91-Jährigen relativieren, was er an Musik freilässt, da ihn der Weg ins Schwetzinger Rokokoteater führt? Die Antwort lautet: gar nicht.

Denn das Publikum hat in der Frankfurter Jazz-Ikone nicht nur eine Persönlichkeit vor sich, die in ihrem langen Leben sämtliche Strömungen des Jazz miterlebte, sondern auch einen Musiker, der nimmer müde war, die Geschichte auf leisen Sohlen mitzuprägen. Der begierig nach dem Neuen forschte, ohne dabei auch nur irgendetwas für unmöglich zu halten. Diese Kraft, als Entdecker unbekannter Welten zu einem der Pioniere des europäischen Jazz zu werden, hat er nie verloren. Mangelsdorff ist immer Forscher geblieben – und stellt das in Schwetzingen auf das Eindrucksvollste unter Beweis.

„Spiele, was aus mir wächst“

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Schwetzingen: Jazz-Genuss im Rokokotheater  Dexter Gordon und seine „Fried Bananas“, um einen Anfang zu setzen, der sich kaum süßer ins Ohr gesellen könnte. „Ich spiele nur, was aus mir wächst“, hatte Mangelsdorff uns im Gespräch verraten – in Augenblicken wie diesen wird offenbar, was der Doyen des puristischen Klangs damit meint. Denn auch, wenn er sich das Notenmaterial von Stars der Szene leihen mag: Sein beseelter, texturierter, reiner Ton schafft sich den Zugang so individuell poetisch, als hätte man die Nummer vorher noch nie zu hören bekommen.
Dabei beweist gerade Jerome Kerns charmante Uptempo-Nummer, dass es nicht die Suche nach Vollkommenheit ist, die Mangelsdorff und seine Interpretation so reich mach – es ist seine Authentizität. In seinen Soli lässt er es nur dann krachen, wenn ihm gerade der Sinn danach steht, doch wenn ihn die Inspiration packt, dann funkt und leuchtet es, als wären die Zuhörer gerade Zeugen eines Feuerwerks geworden.

Zeichen ureigener Freiheit Der Rest ist beherrschte Freiheit, die ihre Begründung nicht einbüßt. Denn während der Jazz von heute sich selbst gerne an der langen Leine lässt, trifft Mangelsdorff eine Wahl, und geht ihr nach. Dass er deswegen keinen Deut seiner Wendigkeit verliert, beweist der Altmeister geradezu im Schlaf. Aus Oliver Nelsons „Stolen Moments“ lässt er die Cool Jazz-Einflüsse nur so heraussprudeln und wenn die zartseidenen Melodienbögen in Duke Ellingtons „Prelude To A Kiss“ das gebannte Publikum erst romantisierten, legt ein organisch gewachsenes Blues-Gefühl das Hochamt frei, für das Mangelsdorff immer gekämpft hat.

Die Musik als Zeichen ureigener Freiheit, für die er immer wieder sein eigenes Leben riskierte. Dabei ist und bleibt er Zeitzeuge seines und des Triumpfes eines Musikgenres als Zeichen der Unbesiegbarkeit kritischer Geister. Denn weder Folter, Gefängnis noch die Ostfront konnten seinen Willen brechen. Die Konzerte vor GI’s in Frankfurt waren sein erster Sieg, die Zeit, die ihn zwischen Johnny Hodges, Lee Konitz und Anthony Braxton bis heute in Liebe mit dem Jazz verbindet, markiert seine überragende Lebensleistung.

Dabei gibt es in der 140-minütigen Andacht an den Straight Jazz vergangener Tage keinen Zweifel daran, dass die Mitmusiker seines Quartetts weit mehr als Erfüllungsgehilfen vorproduzierter Interpretationen sind. Janusz Stefanski präsentiert sich an den Drums als ausgewiesener Kenner eleganter Straight-Jazz-Klänge.

Groove, nach man lange sucht Während der minutenlangen Suiten, die zum Gedankenspiel über Songs von Randy Weston und Lee Morgan avancieren, fügt er sich seiner Rolle als Konturgeber in beachtenswerter Perfektion, doch wenn der Augenblick ein Solo erlaubt, imponiert der Kenner gerade mit subtilen Volten, die kaum an Lautstärke benötigen, am meisten.

Jean-Philippe Wadle zeigt sich als achtsamer Wanderer, der dem Gesamtsound am Bass vor allem mit Soul und Leichtigkeit zur Seite springt – und sich dabei eigentlich nur einem geschlagen geben muss: Thilo Wagner. Die faszinierten Applausstürme nach jedem Solo sind nicht übertrieben – dem Mann am Flügel gelingt an diesem Abend wirklich alles. Ob er zu Charlie Parkers „Au Privave“ der Stadt der Liebe huldigt oder zu Thelonious Monk mit seinen agilen Akkordreihungen in die Lüfte hebt: Jeder noch so spontane Akkord hat hier einen Groove, nach dem selbst renommierte Szene-Profis ein Leben lang suchen.

Am Ende ist es nicht weniger als eine Messe, die Emil Mangelsdorff und die Seinen im Rokokotheater lesen – und dabei das perfekte Publikum auf ihrer Seite haben. Denn man darf es als großes Glück begreifen, dass die Schwetzinger Jazzinitiative das kluge Händchen bewies, sich für dieses Konzert mit dem renommierten Enjoy-Jazz-Festival zusammenzutun, und dieser beispiellosen Demonstration des aufrichtigen Jazz damit zum würdigen Auditorium zu verhelfen.

Original: © Schwetzinger Zeitung, Montag, 24.10.2016